Ein Mann kämpft fürs Kiffen

Ein Mann kämpft fürs Kiffen

Süddeutsche Zeitung von 10.09.2015 - Foto: Stephan Rumpf

  • Wenzel Cerveny setzt sich für die Legalisierung von Cannabis ein - dafür hat er schon mehr als 25 000 Unterschriften gesammelt.
  • Der 54-Jährige besitzt einen Bioladen in München und hat, wie er beteuert, noch nie selbst gekifft.
  • Viele Senioren kommen an seinen Infostand - aus einem ganz bestimmten Grund.
Von Lisa Schnell

Wenzel Cerveny steht in einem Strauß von Hanfblättern. Vorne und hinten an dem Wohnmobil, vor dem er am Karlsplatz in München seinen Infostand aufgebaut hat, prangt das grüne, siebenzackige Blatt auf zwei weißen Bannern, an den Ecken wehen acht Hanf-Flaggen. Hanf-Lollies, Hanf-Energydrinks, Hanf-Aufdruck auf den Liegestühlen und natürlich auf dem T-Shirt von Wenzel Cerveny. Man könnte meinen, der 54-Jährige sei der Kiffer der Nation. Doch standhaft beteuert er: "Ich hab noch nie konsumiert."

Rein äußerlich nimmt man ihm das ab: Um seinen Hals baumelt eine Lesebrille, die er bei Bedarf ganz vorne auf der Nasenspitze platziert, unter seinem Hanf-T-Shirt sieht man den ordentlich gebügelten Kragen eines Polohemds. Und der Husten? Bestimmt nicht vom Rauchen sagt er, sondern vom vielen Reden. Cerveny betreibt einen Bioladen mit Hanfprodukten an der Morassistraße in der Münchner Isarvorstadt.

Seit gut 200 Tagen wirbt er auf der Straße für sein Anliegen: ein Volksbegehren zur Legalisierung von Cannabis in Bayern. Dafür hat er mehr als 25 000 Unterschriften gesammelt und damit die erste Hürde genommen: Das Innenministerium muss sich nun mit seinem Hanfgesetz befassen und innerhalb von sechs Wochen entscheiden, ob es als Volksbegehren zugelassen wird.

Demo am Marienplatz in München

An diesem Freitag wird Cerveny die Unterschriften im Innenministerium abgeben, um 12 Uhr beginnt eine Demo am Marienplatz. Etwa 500 Personen haben im Internet ihre Teilnahme angekündigt. In den Gesprächen mit der Stadt sei die Rede von 3000 bis 5000 Demonstranten gewesen, sagt Cerveny. Dass er zu wenig Werbung gemacht hätte, kann er sich nicht vorwerfen.

Seit zwei Wochen war er nicht mehr in seinem Haus in Rott am Inn. Er und seine Familie haben sich in ihrem Hanfladen eine Couch hergerichtet, geduscht wird bei der Tochter. Insgesamt 50 000 Euro hat ihn die Kampagne bis jetzt gekostet von den 20 000 Flyern bis zur Hanfmesse, die er im Juli in München veranstaltet hat. Jeden Tag steht er von zehn bis 23 Uhr vor seinem Hanf-Wohnmobil.

Die Tupperdose mit Wurstsalat im Inneren scheint unberührt, für Essen nimmt sich Cerveny kaum Zeit, für Überzeugungsarbeit umso mehr. Die Hände durchgestreckt auf den Tapeziertisch vor ihm gestützt, hört er einer älteren Frau zu, lauert, wo er mit seinen Argumenten einhaken kann. "Sie öffnen das Tor zur Hölle", sagt die gerade, da legt er los. Hölle? Das einzige, was an Cannabis gefährlich sei, ist der Schwarzmarkt.

Die Strecksubstanzen von Haarspray bis Glaswolle, die den begehrten grünen Blüten beigemischt würden. "Das ist ein russisches Roulette", sagt Cerveny laut und versprüht im Eifer ein paar Spucketropfen. Abhängig? Das mache nur der Tabak. Einstiegsdroge?

Da müsste man auch Alkohol und Zigaretten verbieten. Sein Gegenüber kommt kaum mehr zu Wort. Cerveny doziert jetzt fast, die Brille auf der Nase, Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis zusammengeführt, mit dem er jeden einzelnen Punkt mit einer kurzen Handbewegung betont.

Woher kommt sein Eifer?

Die Frau schüttelt den Kopf, sie konnte er nicht überzeugen, aber er hat es mit aller Energie versucht. Woher kommt der Eifer? Warum legt sich jemand so ins Zeug, der nicht mal weiß, wie Haschisch überhaupt riecht? Vor zwei Jahren noch waren Kiffer für Cerveny zugeballerte Typen. Ob sie nun hysterische Lachanfälle bekamen oder nur selig-benebelt vor sich hin stierten, Cerveny wollte mit ihnen nichts zu tun haben.

Doch dann zog er 2013 für die Bayernpartei in den Wahlkampf, um gegen das Rauchverbot mobil zu machen. Seit 25 Jahren war er Wirt und nun wegen des Volksbegehrens von Sebastian Frankenberger seine Konzession losgeworden. Wenn er gegen das Rauchverbot sei, solle er sich doch auch gegen das Verbot von Cannabis einsetzen, hörte er ständig am Stand. Aber nicht von zugedröhnten Jugendlichen, sondern etwa von einer Frau, die Multiple Sklerose hatte.

Kiffen gegen die Schmerzen

Wenn sie einen Joint geraucht hatte, konnte sie ohne Zittern vier Stunden lang aus dem Haus, erzählte sie ihm. Ständig habe sie aber Angst vor der Polizei. "Patienten werden zu Verfolgten gemacht", sagt Cerveny und packt einen am Arm. So hätten ihn alte Leute an der Hand genommen, ja ihn fast angefleht, ihnen etwas zu besorgen gegen die Schmerzen. "Das lässt einen nicht mehr los." Und natürlich ist da noch dieser eine, versteckte Paragraf in seinem Gesetzentwurf, in dem Raucherklubs wieder eingeführt werden sollen, auch für ganz normalen Tabak.

Cerveny grinst verschmitzt. Alles also nur vorgeschoben? Die Legalisierung von Cannabis nur ein Vorwand eines unerbittlichen Kämpfers für Raucherklubs? Cerveny schüttelt den Kopf. Am Anfang vielleicht, jetzt schon lange nicht mehr. Die Legalisierung von Cannabis als Genussmittel und Medikament, das ist für ihn der unaufhaltsame Fortschritt, der in den USA schon Realität sei und auch in Deutschland kommen werde.

Die Hanf-Lollies machen nicht high

Viele scheinen das ähnlich zu sehen. Diskussionen gibt es kaum am Stand, um Unterschriften werben muss er nicht, die Menschen strömen zu ihm hin. Viele sind enttäuscht - nein, die Hanf-Lollies machen nicht high - trotzdem unterschreiben sie. Ein von oben bis unten tätowierter Mann, einer mit Anzughose und roter Krawatte, eine 56-jährige Frau - damit andere ihren Spaß haben können ohne Angst vor der Polizei, damit sie irgendwann mal im Alter gegen die Schmerzen anrauchen können. Etwa ein Drittel der Unterschriften kämen von Senioren, sagt Cerveny.

Eigentlich das perfekte CSU-Klientel. Und siehe da: Gesundheitsministerin Melanie Huml von der CSU fordert, dass die Kosten für die Cannabis-Einnahme als Medizin von den Krankenkassen erstattet werden sollen. Eine Legalisierung aber - ausgeschlossen. Dafür sprechen sich aber nicht nur die aus Hippie-Kommunen erwachsenen Grünen und die SPD in Bayern aus.

Auch Juristen weisen darauf hin, dass weder der Konsum noch die Beschaffungskriminalität durch ein Verbot zurückgegangen sind, der Staat aber Milliarden für die Strafverfolgung ausgibt. Dem Volksbegehren versprechen sie aber keinen Erfolg. Das Betäubungsmittelgesetz ist ein Bundesgesetz und könne deshalb nicht von einem Landesparlament geändert werden.